Es ist die Geschichte, die den Namen Gleichen berühmt gemacht hat: ein Graf, der aus dem Kreuzzug mit zwei Frauen heimkehrt — und mit dem Segen des Papstes beide behält. Musäus hat sie erzählt, Schubert wollte eine Oper daraus machen. Und sie führt, auf einem Umweg, in die Frühzeit der Schlaraffia.
Die Sage
Graf Ernst von Gleichen, so erzählt man es, nimmt 1227 am fünften Kreuzzug teil und gerät in Gefangenschaft. Dort begegnet ihm die Tochter des Sultans, Melechsala. Sie hilft ihm zur Flucht, nachdem er ihr die Ehe versprochen hat — nur hat er daheim auf der Burg Gleichen schon eine Frau. Der Papst löst den Knoten, indem er die Sultanstochter auf den Namen Angelika tauft und die zweite Ehe billigt.
Die Stelle am Fuß des Burgberges, an der sich die beiden Frauen zuerst begegnet sein sollen, heißt seither Freudenthal. Dort steht heute ein Restaurant — die Sage hat sich in die Landkarte eingeschrieben.
Was daran geschichtlich ist
Wie bei jeder guten Sage gibt es einen Anlass, und er ist steinern. Im Erfurter Dom liegt die Grabplatte des Grafen Lambert II. von Gleichen, auf der er zwischen seiner ersten und seiner zweiten Frau dargestellt ist. Wer das Bild sieht und die Geschichte nicht kennt, kann auf die Doppelehe kommen — und genau das ist offenbar geschehen.
Die Grafen selbst haben die Erzählung früh genutzt. Schon im fünfzehnten Jahrhundert ließen sie einen Wandteppich anfertigen, der die Geschichte darstellt und das Ansehen des Hauses mehren sollte. Besuchern zeigte man um 1800 im sogenannten Junkerzimmer ein extrabreites Bett als gemeinsame Schlafstatt dreier Ehegatten — die Sage war zur Sehenswürdigkeit geworden.
Eine Wendung der Wirkungsgeschichte ist bemerkenswert: Veit Winsheim, ein Schüler Melanchthons, formte die Sage zum Tatsachenbericht um, als Landgraf Philipp I. von Hessen eine Rechtfertigung für eine zweite Ehe suchte. Aus einer Erzählung wurde ein Präzedenzfall — wer meint, so etwas sei eine Erfindung der Gegenwart, findet hier das Gegenbeispiel aus dem sechzehnten Jahrhundert.
Musäus und Schubert
Literarisch steht die Sage auf festem Grund. Johann Karl August Musäus nahm sie 1786 als „Melechsala“ in seine Volksmährchen der Deutschen auf — die Sammlung, die deutschen Sagenstoff in kunstvolle Prosa brachte, Jahrzehnte vor den Brüdern Grimm.
Und Franz Schubert begann 1827/28 eine Oper „Der Graf von Gleichen“ nach einem Libretto von Eduard von Bauernfeld. Sie blieb unvollendet. Es gehört zu den stilleren Verlusten der Musikgeschichte, dass die letzte Opernarbeit Schuberts von einer thüringischen Burgsage ausging.
Die schlaraffische Klammer — und was daran noch zu klären ist
Nun zu der Verbindung, um die es einem Schlaraffen hier zu tun ist. Das Reych Zu den drey Gleichen (432) ist nach den drei Burgen benannt, und der Sage nach nach jener Nacht, in der sie einander gleich wurden. Die erste Gotaha, das Schlaraffenreych des neunzehnten Jahrhunderts in Gotha, wurde von Albert Ludwig Eilers (1830–1896) gegründet, einem Opernsänger im Bassfach und Komponisten — und auf dessen Anregung 1859 in Prag die Gesellschaft der Künstler und Kunstfreunde „Schlaraffia“ gegründet wurde. 1876 sang er bei den ersten Bayreuther Festspielen den Fasolt im „Rheingold“, und sein Grabstein auf dem Alten Friedhof in Darmstadt trägt die Inschrift „In arte voluptas“ — den Sinnspruch unseres Bundes.
Die Festschrift zur Sanktionsfeyer unseres Reyches und der bisherige Bestand dieser Uhunetzseite nennen Eilers mit dem schlaraffischen Titul Graf Gleichen. Wäre das belegt, schlösse sich ein hübscher Kreis: Ein Mann, der den Titul eines sagenhaften thüringischen Grafen trug, stand am Anfang der Schlaraffia — und einhundertfünfundsechzig Jahre später heißt das Reych zwischen Gotha und Arnstadt Zu den drey Gleichen.
Wir behaupten diesen Kreis hier nicht. In den öffentlich zugänglichen Quellen zu Albert Eilers ist der Titul nicht zu finden. Bis er aus dem Reychsarchiv belegt ist, bleibt er eine Angabe unserer eigenen Festschrift — erzählenswert, aber nicht gesichert. Wer den Beleg beibringen kann, tue es; wir tragen es dann hier nach.
Die Sage, die Grabplatte Lamberts II. im Erfurter Dom, der Wandteppich des fünfzehnten Jahrhunderts, das Junkerzimmer, Veit Winsheim und Landgraf Philipp I., Musäus 1786 und Schuberts unvollendete Oper 1827/28 sind in den Darstellungen zur Burg Gleichen einzeln nachgewiesen. Die Lebensdaten und Stationen von Albert Ludwig Eilers ebenso. Nicht nachgewiesen ist — Stand September 2026 — der schlaraffische Titul „Graf Gleichen“ für seine Person; er steht in der Festschrift zur Sanktionsfeyer von a. U. 164 und im bisherigen Bestand dieser Seite, nicht aber in den öffentlichen Quellen. Das Schweigen dieser Quellen ist kein Gegenbeweis, aber auch kein Beleg.